Der lange Weg zum Titel

Ein Rückblick auf die deutsche Bilanz beim Motocross der Nationen

Am 30. September 2012 passierte im belgischen Lommel Historisches. Max Nagl, Ken Roczen und Marcus Schiffer holten zum ersten Mal in der 66-jährigen Geschichte des „Motocross of Nations“ (MXoN) die Chamberlain Trophy nach Deutschland. Keinem Team vor ihnen war bis dahin der Sieg in der Motocross-Mannschaftsweltmeisterschaft gelungen, dem prestigeträchtigen Nationen-Wettstreit und weltweit beachteten Motocross-Spektakel.

Seit 1947 kämpfen die besten Fahrer eines Landes ein Mal im Jahr um den Siegeslorbeer für ihre Nation. Die Premiere in der Nähe von Den Haag (Niederlande) war bescheiden. Neben den Gastgebern standen nur Fahrer aus Belgien und Großbritannien noch mit am Start. Sieger wurden die Briten. Ein Jahr später kamen bereits Teams aus Frankreich, Schweden und Luxemburg hinzu. In jenen Jahren erwarb sich vor allem der Vizepräsident der FIM-Sportkommission Peter Chamberlain große Verdienste um den Aufbau des Motocross-Sports im Nachkriegseuropa. Nach seinem Tod 1954 erhielt der Siegerpokal seinen Namen.

Die ersten beiden Jahrzehnte des Nationencross’ dominierten Fahrer aus Belgien, Großbritannien und Schweden. Erst das Gastspiel 1968 im sowjetischen Kischinjow (heute: Chișinău/ Moldawien) sorgte für Abwechslung bei der Nationalhymne. Der Gastgeber aus der UdSSR holte sich zum ersten Mal den Sieg.

Auf Platz zwei kam das Team aus der DDR ein, angeführt vom damaligen Motocross-Superstar Paul Friedrichs und komplettiert durch Helmut Schadenberg, Reiner Fischer und Heinz Hoppe. Es war die Glanzzeit des 2012 verstorbenen Paul Friedrichs, der 1968 zum dritten Mal in Folge die 500ccm-Einzelweltmeisterschaft gewinnen konnte. Sein Vize-WM-Titel 1972 und insgesamt 20 DDR-Meistertitel im Motocross sind weitere Belege für eine beeindruckende Karriere.

DDR-Team 1990

In Ostdeutschland stagnierte ab 1973 die weitere Entwicklung im Motocross aus Staatsraison. Die DDR entsandte kein Team mehr zum MXoN. Das änderte sich erst 1990, als sich nach dem Fall der Mauer auch die besten Motocrosser aus Ostdeutschland – Torsten Wolff, Hardy Schadenberg und Klaus-Jürgen Kuritz – wieder beim Nationencup präsentieren wollten. Wenige Tage vor der deutschen Wiedervereinigung standen im schwedischen Vimmerby damit zwei deutsche Teams am Start.

In den 1970er Jahren ging der Stern von Fahrern aus der damaligen BRD auf. Und sie waren sehr erfolgreich. In den Annalen des Nationencups steht für 1976 ein dritter Platz. 1978 wurde es sogar der zweite Rang. 1979 und 1980 kamen nochmals zwei dritte Plätze hinzu – immer heiß umkämpft mit den Teams aus Belgien und den Niederlanden.

Herbert Schmitz, Hans Maisch, Fritz Köbele, Willy Bauer vertraten in dieser Zeit die deutschen Farben. Und natürlich der große Star Adolf Weil, der wie Paul Friedrichs zu den deutschen MX-Legenden zu zählen ist. Mehrere Grand Prix-Siege und Podiumsplätze im Endklassement der Weltmeisterschaft, 14 nationale Meisterschaften und – was bisher keinem weiteren deutschen Fahrer gelang – der amerikanische AMA-Titel 1973 machen Adolf Weil, der 2011 verstarb, zu einem der erfolgreichsten deutschen Motocrosser. Um 1980 wurden Rolf Dieffenbach, Ludwig Reinbold und Walter Grühler in das deutsche Team berufen.

pit beirer-namur2003

Das Jahr 1985 mit dem Austragungsort Gaildorf bildet eine Zäsur im Nationencup. Ursprünglich starteten beim MXoN nur Maschinen mit 500ccm. Um auch bei kleineren Motorisierungen einen Ländervergleich zu ermöglichen, lobte die FIM ab 1961 mit der Trophy of Nations jährlich einen Mannschaftswettbewerb für Maschinen mit 250ccm aus und ab 1980 zusätzlich noch den Cup of Nations für 125ccm-Maschinen. Im schwäbischen Gaildorf kam es erstmals zur Zusammenführung aller drei Klassen im Rahmen eines Wettkampfes mit dem bis heute üblichen Reglement.

Veränderungen gab es in den 1980er Jahren auch beim deutschen Motocross-Team. Dietmar „Didi“ Lacher und Roland Diephold vertraten nun die BRD und holten 1985 vor heimischen Publikum in Gaildorf gemeinsam mit Michael Heutz einen hervorragenden dritten Platz. Für etliche Jahre blieb es allerdings die einzige Podiumsplatzierung. Dafür dominierten die USA die Mannschafts-Weltmeisterschaft. Bis 1993 hatten die US-Crosser unglaubliche 13 Titel in Folge eingesammelt.

In den Neunzigern kamen zu Dietmar Lacher zwei weitere Top-Fahrer in das deutsche Team, die wie er aus der heutigen Motocross-Szene nicht wegzudenken sind: Pit Beirer und Bernd Eckenbach. Stets fuhr das Trio sehr gute Top-10-Platzierungen ein. Der ganz große Erfolg blieb ihnen allerdings versagt, auch nachdem Jochen Jasinski bzw. Andreas Kanstinger um die Jahrtausendwende für Lacher zum Team stießen. Außergewöhnlich 1997 die Siege von Pit Beirer in seinen beiden Läufen in Belgien.

nagl 2003

Das neue Jahrtausend begann für das deutsche MXoN-Team wenig erfolgreich. Selbst die Top-10 wurden nicht immer erreicht. Das änderte sich erst, als ab 2009 Ken Roczen zum deutschen Team stieß, dem bereits ab 2003 Max Nagl und ab 2004 Marcus Schiffer – beide mit verletzungsbedingten Unterbrechungen – angehörten.

Roczen, Nagl und Daniel Siegl (für Schiffer) setzten im italienischen Franciacorta mit einem lange nicht erreichten Platz vier bereits ein Achtungszeichen. 2010 war es für das spätere Weltmeister-Trio in Lakewood (USA) mit Rang 3 bereits ein Platz auf dem Podium. In St. Jean d’ Angely (Frankreich) holten Roczen, Schiffer und Daniel Siegl (diesmal für Nagl) im Jahr darauf durch einen nicht ganz zufrieden stellenden 7. Rang dann jene Startnummern, mit denen Deutschland schließlich 2012 in Lommel (Belgien) Weltmeister wurde.

Es waren die Nummern 19, 20 und 21, die Deutschland vor zwei Jahren den Sieg brachten. Durch den unglücklichen 7. Rang vor heimischem Publikum im vergangenen Jahr in Teutschenthal, wo Max Nagl, Ken Roczen und Dennis Ullrich (Marcus Schiffer war verletzt) die deutschen Farben trugen, werden diese Zahlen bei der 68. Auflage des „Motocross of Nations“ im lettischen Kegums nun erneut auf den Motorrädern der deutschen Motocrosser stehen.

(30.7.2014)